Zwei Wochen Selbstisolation. Ich habe mich gerade zum x-ten Mal in meinem Bett umher gewendet. Es ist viel später als sonst, wenn ich normalerweise meinen Körper aus dieser Kuhle schwinge, die sich mittlerweile in meiner Matratze und meiner Bettdecke gebildet hat. Ich schlafe neuerdings viel mehr als sonst. Oder zumindest drehe ich mich viel öfter noch mal um und weigere mich, meine Augen auf zu machen. Wozu auch?
Meine Bewerbungsgespräche wurden abgesagt, verschoben. An meiner Masterarbeit kann und will ich nicht weiterarbeiten, wenn die Bib und die Uni sowieso geschlossen haben. Wie ich mich plötzlich wieder nach den Orten sehne, die mich zur Produktivität gezwungen haben, obwohl ich gerade gelernt hatte, dass mich meine Produktivität nicht zwingend ausmacht! Aber man, sie ist gut!

Es ist schön zu wissen, warum man morgens aus dem Bett kriechen sollte. Zu wissen, welche Dinge auf der To Do Liste stehen und abgehakt werden können. Weil geben wir es doch zu: Es ist nice, gestresst durchs Leben zu gehen. Und ich meine natürlich nicht dieses Gefühl von „Oh fuck, ich bekomme mein Leben nicht auf die Kette!“ sondern den positiven Antrieb im Alltag um sich abends gemütlich auf’s Sofa setzen und „Geschafft!“ seufzen zu können. Es gibt uns eine Aufgabe, eine Funktion, eine Sicherheit, die sich in diesem Quarantäne -Alltag einfach nicht einstellen lässt.

Versteht mich nicht falsch, ich fühle mich sehr wohl aufgehoben und weiß, welches Glück und Privileg ich gerade genieße: Ich darf zu Hause bleiben, habe mein eigenes Zimmer, in das ich mich zurück ziehen kann. Ich wohne nicht allein, sodass ich nicht vereinsame. Ich kann jederzeit backen, lesen, zeichnen, malen, Collagen basteln, Briefe schreiben, Yoga machen und ja, sogar entspannt rausgehen – weil ich in Thüringen lebe und die Ausgangsregelungen hier nicht so streng sind wie vergleichsweise in Sachsen oder Bayern.

Ein Problem heißt: Schweinehund. Während ich in den letzten zwei Wochen Selbstisolation angefangen habe, Sport zu machen und alle zwei Tage Joggen zu gehen (ja, ich gehe joggen!), fällt es mir unheimlich schwer, mich auf meinen Hintern zu setzen und dieses Dinge namens Masterarbeit zu beginnen. Dabei war ich vor zwei Wochen sehr gut dabei: täglich in die Bib radeln, kleine Mittags- oder Kaffee-Pause mit der WG oder Kommiliton*innen, meinen Kopf in Bücher und in e-Paper stecken und mein Exposé versandbereit machen. Es lag sogar schon bei meinem Prof und wurde abgesegnet: Ich kann also ganz gemütlich loslegen. Und wüsste sogar eigentlich genau wie:

  • To Do Liste für den Tag anlegen z.B. zwei Texte durcharbeiten/ 1 Seite schreiben
  • Projektplan machen und befolgen (den hab ich sogar schon)
  • einfach an den Tisch setzen, nicht wieder ins Bett legen!
  • Zeiten setzen, z.B. zwei mal 2 Std. konzentriert arbeiten

Alles sinnvoll, alles logisch, für mich gerade nicht drin. Und damit kommen wir zum nächsten Problem.

Das Problem heißt: Gedankenschleife. Es gibt viel zu viele gute Gründe, gerade nicht aus dem Bett zu steigen. Und wenn ich schon morgens damit anfange, mich zu fragen, warum ich aufstehen sollte, ist die Frage nicht fern, warum man überhaupt irgendetwas tun sollte. Warum Zähne putzen, warum duschen, warum sich eine Hose anziehen? Warum diesen Laptop anschmeißen, wenn meine Hauptlektüre zum Präsenzbestand gehört und auch nicht online zur Verfügung steht? Und dann sind wir plötzlich bei diesem wohl bekannten „Oh fuck, ich bekomme mein Leben nicht auf die Kette!“ Darin bin ich ziemlich gut. Wenn es einen Preis geben würde für das schlimmste Selbstwertgefühl und die längste Gedankenschleife, ich wäre irgendwo unter den Top Ten. Das heißt natürlich, wenn ihr mir an meinen schlimmen Tagen begegnet.

Gestern war so einer der schlimmen Tage. Es hat ewig gedauert, bis ich von meinem ewigen Wenden in die Senkrechte gekommen bin. Es gab viel Gemaule, viel Augendrehen und ein ewiges „Boah, wieso?“ Meine Mitbewohnerin hat es zwar noch hinbekommen, mich zum Joggen und Yoga zu bewegen. Danach war ich aber einfach für nichts mehr zu gebrauchen. Ich habe mich mit einem Stück Kuchen in mein Zimmer verzogen und  eine Koreanische Serie geschaut, bei der ich doch jetzt schon weiß, dass die zwei Protagonist*innen zusammen in Loooove enden werden. Aber damn, das hab ich gebraucht!

So ein Tag, an dem die Stunden einfach an einem vorbei ziehen. Draußen schneit es, drinnen riecht es nach frisch gemahlenem Kaffee und nichts ist im Moment schöner als der Gedanke, noch weitere Stunden unter der Bettdecke in der selbstkreierten Kuhle zu verbringen und in Selbstmitleid zu versinken.

Noch ein Stück Kuchen und einmal Schlafen später weiß ich: Linh, es ist alles halb so schlimm! Telefoniere mit einer/m Freund*in, zeig der Welt, dass es dich noch gibt und mach den Laptop auf! Selbst kleine Schritte führen dich irgendwann zum Ziel! Ich habe heute gerade mal ein PDF heruntergeladen, aber dieses PDF beinhaltet einen mega wichtigen Text für meine kommende Masterarbeit! Ich sitze gerade zwar nicht an meinem Schreibtisch sondern mit Schlafhose auf der Couch, aber immerhin sitze ich an meinem Laptop! Was besonders hilft: meine Mitbewohnerin sitzt mir gegenüber und näht. Und ich frage mich, ob es genau das ist, was fehlt. Menschen sehen und gesehen werden. Beim Joggen halte ich eher durch, wenn jemand mit mir zusammen läuft. In der Bib sitzt man doch ein paar Minuten länger am Text, weil die anderen ja auch noch konzentriert durch die Seiten blättern. Vielleicht bin ich also doch sozialer, als ich manchmal zugeben möchte.

In diesem Sinne: Haltet die Ohren steif und nehmt euch die Zeit, um euch ein bisschen näher kennen zu lernen. Ist diese pure Freizeit, nach der wir uns sehen, wirklich das Wahre? Und ist die Arbeit, über die wir immer meckern, nicht doch auch ganz schön? 🙂

Ich umarme euch – virtual.